Gewaltfreie Kommunikation

oder wie ich lerne Kommunikation zu lieben

Ich stehe am Whiteboard in einem Meeting und versuche, die Ergebnisse einer Umfrage zu präsentieren, doch obwohl es mucksmäuschenstill ist, verspüre ich Unruhe/fühle ich mich abgelenkt. Ein Blick in die Runde und Verärgerung und Verunsicherung steigen in mir auf. Ein paar meiner Kolleg*innen spielen an ihren Handys rum, zwei schauen aus dem Fenster und einer scheint tatsächlich zuzuhören. Sind die Ergebnisse wirklich so belanglos oder liegt es vielleicht an mir? Und schon kreisen die Gedanken.

Eine der größten Herausforderungen oder Fragen des Alltages und Miteinanders ist, wie kommuniziere ich mit meinen Mitmenschen? Denn jeder kennt es, ein lapidar geäußerter Satz im Büro, oder eine unbedachte Geste. Doch sie trifft uns. Sei es der Kassierer an der Kasse, der einen anraunt, dass der Warentrenner nicht richtig liegt. Die Busfahrerin, die einen nur missmutig ansieht. Oder einfach die Kolleg*innen, die einen nicht mal grüßen am Morgen. Und da sind wir noch nicht mal an dem Punkt angelangt, dass die Stimme erhoben wurde und/oder laut Schelte verteilt wurde.

Was läuft hier schief?

Dennoch haben all diese Situationen das Potential uns zu treffen und können uns an einem nicht so starken Tag aus der Bahn werfen. Doch wie kommt das? Und was hat das mit einem Software-Unternehmen zu tun? Und wann/wo geht es um gewaltfreie Kommunikation?

Wie und woher das kommt, ist leicht erklärt und wird oft, gerade das 1. Axiom von Watzlawick, als Binsenweisheit bezeichnet. Aber um zu verstehen, warum gewaltfreie Kommunikation so wichtig ist, hilft es sich die Binsenweisheit und die 4 weiteren Axiome genauer zu betrachten. Denn so wird es, wie ein roter Faden, klar, dass es wichtig ist seine Kommunikation zu reflektieren und daraus Handlungen zu erzeugen.

Das wohl bekannteste Axiom 1. „man kann nicht nicht kommunizieren“ ist wahrscheinlich Vielen geläufig und vermutlich auch intuitiv einleuchtend. Doch was so einfach klingt, hat Tragweite, denn es bedeutet, dass auch ein reines, nicht sprachliches Verhalten einen kommunikativen Akt darstellt und so auch ein Sender - Empfänger Verhältnis erzeugt. Wer also schweigend in einem Raum sitzt und nichts sagt, erzeugt trotzdem eine interpretierbare Information an alle Anwesenden. Und während jemand spricht, die ganze Zeit auf sein Handy zu schauen oder Nachrichten zu tippen, hinterlässt ebenfalls einen Eindruck beim Sprechenden. Doch das ist nur ein kleiner Teil. Wie bereits erwähnt, gibt es nach Watzlawick noch 4 weitere Axiome:

2—Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei Letzterer den Ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.

So kann ein bestimmtes Verhalten (z.B. gelangweiltes/monotones Sprechen) dazu führen, dass Inhalte vom Empfänger anders aufgefasst werden als vom Sender beabsichtigt. Erst wenn von beiden Seiten die Beziehungsebene gleich verstanden wird, kann Inhaltliches übertragen werden.

Beispiele:

  • Traurig und mit Tränen in den Augen sagen „Es geht mir gut.“
  • Lachend sagen „Ich schlag’ dir den Schädel ein.“

Es geht darum, dass Kommunikation immer zwei Aspekte hat und diese die Kommunikation bestimmen.

  • Inhaltlich = Sachebene = „Der Tisch ist weiß.“
  • Beziehungsebene sagt mehrdeutig etwas über uns und unserer Einstellung zu unserem Gegenüber aus. Beziehung = Emotionalität = „Der Tisch ist weiß, sieht man doch?“

Diese beiden Ebenen können soweit auseinander fallen, dass double binds entstehen. Allerdings wäre dies ein grundsätzliche „Fehler“ einer Kommunikation und diesen gilt es immer zu vermeiden.

Du kannst auch ein Beispiel nehmen wie:

  • „Das ist Deine Handy? Das sieht alt aus.“
  • „Ist das Dein Stift? Der ist aber schön.“
  • „Du kannst dazu nichts sagen, Du bist kein Softwareentwickler“

All diese Beispiele sind halt etwas diffiziler, daher ist nicht mehr gleich evident für jeden was damit gemeint ist.

3—Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktionen der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bestimmt.

Klingt kompliziert, bedeutet aber eigentlich nur, dass Kommunikation immer in Wechselwirkung von Sender und Empfänger steht. Kommunikative Akte laufen somit immer „kreisförmig“.
Wenn Tim sich also beschwert, dass Melanie ihm nicht zuhört, blockt sie direkt ab und möchte nicht weiter über das Thema sprechen. Warum? Na, weil ihr sowieso immer vorgeworfen wird, nicht zuzuhören.

4—Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für eindeutige Kommunikationen erforderliche logische Syntax.

Gestik, Mimik oder auch Intonation sind Anteile analoger Kommunikation, während die digitalen Anteile, alles, was verbal ausgedrückt werden kann, beinhalten. Das erschwert auch die Kommunikation via Textnachrichten etc. in unserer Gesellschaft und führt häufig zu Missverständnissen, da die Bedeutung von Worten/Äußerungen häufig erst über die non-verbale Ebene erschlossen werden kann.
So kann das Gesagte durch non-verbale Anteile beispielsweise verstärkt oder abgeschwächt werden oder sogar gänzlich auseinander fallen.

5—Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehungen zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit basieren.

Treffen sich zwei Chefs auf dem Flur …
Stehen die Beteiligten symmetrisch – also auf einer „Stufe“ – zueinander und behandeln sich gegenseitig entsprechend, findet Kommunikation auf Augenhöhe statt. Sagt der Chef seinem Angestellten, was er zu tun hat, passiert dies aus einer übergeordneten Position heraus, ein Beispiel komplementärer Kommunikation, in der die Beteiligten hierarchisch getrennt sind.

Was hat das mit gewaltfreier Kommunikation zu tun?

All das zusammen gibt Aufschluss über das, was uns da so trifft. Denn Kommunikation ist nicht nur das gesprochene Wort, es ist unser gesamtes Verhalten. Also auch ein missmutiger Blick, das nicht erwidern eines Grußes oder die Stimmlage unseres Gegenübers und natürlich von uns selbst.

Beispiele von nicht gewaltfreier Kommunikation

  • „Wer Preise in die AGB schreibt, dem hack’ ich die Hand ab.“
  • „Ich frag Harald nicht, dann erzählt der wieder ne halbe Stunde.“
  • Mit dem Handy daddeln, während jemand mit einem redet.

An diesen Beispielen kann man gut erkennen, dass Gewalt innerhalb der Kommunikation nicht an bloßen Vokabeln festgemacht werden kann. So ist die imaginär abgehackte Hand sicherlich eine schrecklich brutale Vorstellung, jedoch die Umsetzung eher unwahrscheinlich. Abwertende Äußerungen oder Ignoranz innerhalb der zwischenmenschlichen Kommunikation treten subtil in Erscheinung und fallen uns oft nur auf emotionaler bzw. gefühlter Ebene auf, weshalb es umso wichtiger ist, auf genau diese Art von gewaltvollen Äußerungen zu achten.

Wie erkenne ich Gewalt in der Kommunikation?

Konflikte entstehen aus:

A. objektiver Beobachtung + subjektiver Bewertung (Beurteilung wird als absolut angenommen)

Offensichtlich: „Das Design ist hässlich.”
Subtil: „Die Milch ist alle.“ (und Chris wollte eigentlich Milch kaufen)

B. Kritik anstelle von Bitte

Kritik ruft Gegenangriff hervor
→ Bitte lässt dem Gegenüber Handlungsspielraum

C. Ungeeignete Gesprächssituation

Gesprächspartner wird vorher nicht abgeholt und in die Enge getrieben
→ In eine sichere, symmetrische Gesprächssituation bringen, dann ist auch Kritik möglich

Wir, die Nerds, haben für uns erkannt, dass wir alle in einem Umfeld arbeiten wollen, in dem wir als die oder der wir sind wertschätzend behandelt werden. Uns ist auch einfach klar, dass Kreativität und Tatendrang sich nur dann entfalten kann, wenn das Vertrauen da ist, dass man sich ausprobieren darf.
Von diesem Wunsch getrieben, betrachten wir uns selbst und wollen alle Mittel und Methoden nutzen, die dieses Umfeld erschaffen. Dabei hat die Erkenntnis, dass unsere Kommunikation über unser Verhalten erfolgt, dazu beigetragen, uns für die gewaltfreie Kommunikation als Art des Umgangs miteinander zu entscheiden.

Was können wir besser machen?

Denn die Grundvoraussetzungen gelingender Kommunikation sind:

  • Empathie
  • Ehrlichkeit
  • Bereitschaft andere Menschen zu unterstützen

Dies ermöglicht das Erfühlen der Bedürfnisse des/r Kommunikationspartners/in.

Wir wollen nicht, dass lapidar geäußerte Sätze oder muffiges Verhalten unseren Alltag trübt.
Sicherlich schaffen wir das nicht immer und ab und an kommt uns auch Sarkasmus in die Quere, aber dennoch weiß jeder von uns, dass wir uns klar zur gewaltfreien Kommunikation verpflichten und diese leben.

  • Wir beobachten und beschreiben klare Handlungen
  • Wir kommunizieren klar unsere Gefühle
  • Wir kommunizieren klar das in Verbindung stehende Bedürfnis
  • und wir bitten!

In unserem Alltag könnte folgende Situation beispielsweise so ablaufen:

Beobachtung

Beschreibung einer konkreten Handlung.
“Bei diesem Angebot fehlt ein Dokument.”

Gefühl

Beschreibung des in mir ausgelösten Gefühls …
“Es ärgert mich, wenn ich mir vorstelle, dass der Kunde extra nachfragen muss.”

Bedürfnis

… und meine in Verbindung stehenden Bedürfnisses.
„Mir ist wichtig, dass wir bei den Kunden schon durch das Angebot beweisen, dass wir auf Qualität Wert legen.“

Bitte

Ableitung meiner Bitte.
„Bitte achte darauf, dass unsere Angebote in Zukunft vollständig sind.“

So tragen wir dem Rechnung, was Paul Watzlawick schon wusste: Wir können nicht nicht kommunizieren. Wir sind uns bewusst, dass der Beziehungsaspekt die Kommunikation bestimmt. Wir wissen, dass jedes Verhalten interpretiert wird. Wir achten auf die nonverbalen Anteile und wollen symmetrisch kommunizieren, daher die Wahl einer reflektierten Kommunikationsweise.

Durch das Beobachten und Beschreiben einer konkreten Handlung können wir klar sagen, was Gegenstand der sachlichen Kommunikation sein soll. Durch das Benennen der Gefühle und der Offenlegung unserer Bedürfnisse demaskieren wir unsere analogen Anteile. Und da niemand jemals gezwungen werden darf, formulieren wir Bitten und keine Wünsche. Denn, wer wünscht, hofft auf Erfüllung, wer bittet, akzeptiert von vornherein auch ein „nein“.

Und was hat das nun mit Software zu tun? Viel! Wir sind Menschen und jede gute Software braucht Kreativität. Und damit wir uns als Menschen gut fühlen und den Mut zur Kreativität haben, brauchen auch wir eine wertschätzende Art des kommunikativen Miteinanders und da bleibt uns dann auch nichts anderes übrig als frei (von Gewalt) zu sein.
Darüber hinaus vertreten wir die Auffassung, dass Software genauso funktioniert wie Kommunikation. Die Software kommuniziert mit uns und erzeugt ein Verhalten und wenn man dies berücksichtigt, kann man eine Software entwickeln, die schon beim bedienen Freude bereitet. Und da jede Software mit einem Konzept starte ist es auch immens wichtig von Anfang an alle Beteiligten, all die Nutzer*innen, die Kund*Innen und Besucher*innen abzuholen und mit der gesamten Palette an Kommunikativen Möglichkeiten dazu beitragen lässt ein gelungenes und schönes Produkt zu kreieren.

Wenn ihr unsere kurze interne Präsentation zu diesem Thema haben möchtet, könnt ihr sie hier herunterladen.

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