Wir sind eine Soziokratie

Teil 2

In Teil 1 unserer Artikelreihe zum Thema Soziokratie haben wir euch erzählt, warum wir Nerdlichter uns letztes Jahr (2019) dazu entschlossen haben, unser Unternehmen soziokratisch aufzustellen. Kurz zusammengefasst: Die Organisationsstruktur in Kreisen schafft gegenseitiges Vertrauen, Empathie und Transparenz, da gemeinsam(e) Entscheidungen getroffen werden. Wie Entscheidungen soziokratisch gefällt werden, erfahrt in diesem Teil.

Wie Soziokratie funktioniert

Die klassische Demokratie hat einen entscheidenden Nachteil, der insbesondere in kleinen Gemeinschaften schwer wiegt: Minderheiten können immer überstimmt werden und finden in den meisten Fällen wenig bis kein Gehör zu ihren Ansichten. Die Soziokratie bietet gleich mehrere Ansätze, diesem Problem zu begegnen. Sie baut auf Grundprinzipien auf, die es ermöglichen, alle beteiligten Personen mitzunehmen.

Wie Entscheidungen gefällt werden - Das Konsentverfahren

Entscheidungen, die von mehr als einer Person getroffen werden, werden im Konsent, nicht zu verwechseln mit Konsens, getroffen. Um im Konsens eine Entscheidung zu treffen, müssen sich alle auf eine Sache einigen und dieser zustimmen, sonst gibt es im Zweifel keine Entscheidung. Sind sich nicht alle einig, findet man im Konsentverfahren, unter Berücksichtigung von geäußerten Bedenken oder Problemen, gemeinsam zu einer Entscheidung. Solange niemand einen schwerwiegenden Einwand hat, wird der erarbeitete Vorschlag umgesetzt. Grob gesagt: Im Konsens müssen alle zustimmen. Konsent ist man, wenn niemand dagegen ist. Der Konsent ist dabei kein Zustand sondern ein Prozess. Dieser Prozess umfasst drei Schritte:

Schritt 1: Vorbereitung/Vorschlag

Jede:r, die:der eine Idee für das Unternehmen hat, kann diese als Vorschlag einreichen. Jede Entscheidung muss also vorbereitet sein und allen Beteiligten in Form eines schriftlichen Vorschlages dargeboten werden. Alle Informationen, die für die Entscheidung notwendig sind, sollten allen Beteiligten vorab bekannt sein. Die Einreichenden tragen nach Möglichkeit alle erforderlichen Informationen zusammen, machen sich Gedanken über das Warum des Vorschlags und die Auswirkungen und zeigen mögliche Alternativen auf. Ferner schlagen sie vor, wann und wie die Veränderung oder Neuerung wieder besprochen und evaluiert werden soll.

Schritt 2: Gesprächs-/Diskussionsrunden

Jeder Vorschlag wird in moderierten Runden besprochen. Das heißt, alle kommen der Reihe nach zu Wort und haben dabei die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Nur so kann gewährleistet werden, dass alle gehört werden.

Die Gespräche erfolgen immer im gleichem Ablauf und dank der Moderation und des Verlaufs in Runden, hat dies den Vorteil, dass jede:r zu Wort kommt und keine Frage, Meinung oder Ansicht übergangen werden kann.

Die einzelnen Gesprächsrunden zu einem Vorschlag sind meist in verschiedene Phasen aufgeteilt, die wiederum mehrere Runden beinhalten können:

Informationsrunde oder Bildformende Phase

Diese dient ausschließlich dazu, alle Beteiligten ins Boot zu holen und alle nötigen Information zur und für die Entscheidungsfindung darzustellen sowie inhaltliche Ungenauigkeiten zu erörtern. Idealerweise wurde der Vorschlag allen Beteiligten vor dem Treffen zugänglich gemacht und von allen bereits gelesen.

Meinungsrunde oder Meinungsformende Phase

Unter Berücksichtigung des gemeinsamen Ziels und des Ziels des Vorschlags, werden in diesen Runden Meinungen formuliert, die den Vorschlag für alle Teilnehmenden annehmbar machen. Es geht dabei vorrangig um eine dem Ziel entsprechende, konstruktive Anpassung des Vorschlags und weniger um generelle Zustimmungs- oder Ablehnungsbekundungen. Da die gemeinsame Zielerreichung im Vordergrund steht, nennen wir sie neuerdings “Zielerreichungsrunde.”

Eine mögliche Formulierung in dieser Phase wäre:
„Der Vorschlag wäre aus meiner Sicht dem Ziel zuträglich, wenn noch dieser, oder jener Aspekt mit berücksichtigt würde.”

Diese Runde kann bei Bedarf mehrfach wiederholt werden, um mögliche Lösungsvorschläge oder Kriterien für eine Lösung zu sammeln und die geäußerten Anregungen oder Bedenken in den bestehenden Vorschlag einzuarbeiten, so dass diese Ansichten Teil des Vorschlags werden. Die Moderation formuliert den Vorschlag auf Basis der Kriterien aus den Meinungsformenden Runden neu.

Schritt 3: Konsentierung - Is it good enough for now and safe enough to try?

Sind die vorangegangenen Runden abgeschlossen, geht es in die nächste Phase:

Entscheidungsrunde oder Entscheidungsfindende Phase

Nachdem Fragen geklärt und ggf. Anpassungen vorgenommen wurden, wird entschieden.

Alle Teilnehmer:innen sollten zu diesem Zeitpunkt für sich entschieden haben, ob sie unter Berücksichtigung des gemeinsamen Ziels mit dem besprochenen (und ggf. angepassten) Vorschlag leben können. Dieser wird dann zur Abstimmung gestellt. Jede:r Teilnehmer:in gibt ihren:seinen Konsent oder nennt einen schwerwiegenden Einwand.

Wenn die Teilnehmer:innen zu dem Ergebnis kommen, dass der Vorschlag gut genug ist, um ihn auszuprobieren und sicher genug, so dass Nichts und Niemand zu Schaden kommt, sind sie „konsent.“ Der Vorschlag ist also „good enough for now and safe enough to try.“

Hat jemand nach wie vor Bedenken, dass dieser Vorschlag zur Zielerreichung beiträgt, muss diese Person entscheiden, ob ihre:seine Bedenken so schwerwiegend sind, dass der Vorschlag nicht einmal für eine Zeit ausprobiert werden soll oder kann.

Wenn eine:r oder mehrere Teilnehmer:innen Bedenken haben, die zu einem schwerwiegenden Einwand führen, wird in der Abstimmung kein Konsent erreicht. In dem Fall muss entweder ein neuer Vorschlag erarbeitet werden, der die geäußerten Bedenken mit berücksichtigt, oder der Vorschlag wird in Gänze abgelehnt.

Was ist ein schwerwiegender Einwand?

Für den Fall, dass die Bedenken so schwerwiegend sind, dass eine Zustimmung nicht möglich ist, müssen die Teilnehmer:innen ihren schwerwiegenden Einwand formulieren. Ein schwerwiegender Einwand liegt dann vor, wenn die:der Teilnehmer:in das Gefühl hat, dass der Vorschlag nicht zur gemeinsamen Zielerreichung beiträgt bzw. wenn man es ausprobiert, sogar zu einem Schaden führen könnte. Die Teilnehmer:innen müssen ihren Einwand anhand dieser Kriterien begründen. Nach einer solchen Begründung findet keine Diskussion statt. Alle Teilnehmer:innen können aber zu einem späteren Zeitpunkt einen neuen Vorschlag einbringen, der den schwerwiegenden Einwand berücksichtigt.

Ein schwerwiegender Einwand ist äußerst selten, da in den vorausgehenden Runden in aller Regel bereits alle Belange der Teilnehmer:innen berücksichtigt und in den Vorschlag integriert werden. Alternativ kann der Vorschlag auch für den Moment zurückgezogen werden und unter Berücksichtigung der in der Meinungsrunde vorgetragenen Bedenken zu einem späteren Zeitpunkt wieder eingebracht werden.

Der zweite Eindruck

Zugegeben klingt das ganze Verfahren ziemlich aufwendig, doch können wir nach eineinhalb Jahren Erfahrung sagen, dass unsere Zufriedenheit und Motivation bei der Arbeit gestiegen sind. Das Konsentverfahren bietet viele Möglichkeiten, gemeinsam und fair zu einer Entscheidung zu gelangen, mit der alle Beteiligten zufrieden sind. Auch deshalb hat uns dieses modulare Prinzip, gepaart mit dem Schutz der Minderheiten und der Möglichkeit der Partizipation an Entscheidungen, die alle betreffen, vollends überzeugt. Weitere überzeugende Bestandteile der Soziokratie, wie z. B. die offene Wahl, stellen wir euch in einem der nächsten Artikel unserer Soziokratie-Reihe vor.

Falls ihr neugierig geworden seid oder Anregungen und Ideen habt, meldet euch gern bei uns. Wir freuen uns über einen regen Austausch und beraten euch bei Bedarf natürlich auch zum Thema Soziokratie.