Wir sind eine Soziokratie

In einer kleinen Artikelreihe möchten wir Euch erzählen, warum wir beschlossen haben, unser Unternehmen soziokratisch aufzustellen und was sich dadurch für uns verändert hat.

So viel vorweg: Die Idee war es, Gleichberechtigung und -wirksamkeit innerhalb der Nerdlichter AG herbeizuführen und somit ein Leben und Arbeiten ohne konstruierte Hierarchien und Machtstrukturen zu ermöglichen. Da sich aber bestimmt einige fragen, was Soziokratie überhaupt ist, beginnen wir am besten damit.

Was ist Soziokratie?

Soziokratie ist eine Organisationsform, bei der alle (Beteiligten) in die Unternehmensprozesse oder in Teilprozesse einbezogen werden und so die Fertigkeiten und Fähigkeiten jeder:s Einzelnen der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Daraus ergibt sich eine Schwarmintelligenz, die eine selbstverwaltete Organisation herbeiführt. Schon das Wort Soziokratie beschreibt dieses Selbstverständnis klar. Denn die Etymologie des Begriffs lässt sich auf die lateinischen und altgriechischen Wörter “Socius” (Gefährte) und “kratein” (regieren) zurückführen. Es heißt also nichts anderes als die Herrschaft der Gemeinschaft.

In unserem Fall bedeutet es, dass wir unser gesamtes Unternehmen gemeinsam und auf Augenhöhe führen. Es ist aber auch möglich, die Soziokratie nur in gewissen Bereichen einzuführen und innerhalb dieser den Mitarbeiter:innen Gestaltungsspielräume zu geben. Wie das funktioniert, erklären wir Euch gleich.

Der Standard - was wir kennen

Es gibt viele Ansätze, Überlegungen, Philosophien und Methoden, wie ein Unternehmen am besten und effektivsten geleitet werden kann, soll, muss.... Historisch haben sich hierarchische Systeme, wie wir sie meist vorfinden, am weitesten verbreitet und etabliert. Doch, in welchem Umfang werden in diesen Systemen die Mitarbeiter:innen oder deren Zufriedenheit mit einbezogen? Vielleicht habt Ihr schon mal davon gehört, dass über 5 Millionen Arbeitnehmer:innen innerlich gekündigt haben?1 Ziemlich traurig oder?

Natürlich ist nicht alles schwarz am Vorgesetztenhimmel und ab und an hat man Glück und die:der Chef:in ist wertschätzend, packt mit an, ist transparent in ihren:seinen Aussagen und Handlungen. Doch auch dann ist es meist nicht vorhanden oder vorgesehen, selbst gestalterisch aktiv zu werden.

Es gibt allerdings auch die Möglichkeit, alle innerhalb eines Unternehmens aktiv an dessen Gestaltung mitwirken zu lassen. Dabei deren Wünsche, Fähigkeiten und Interessen einzubinden ohne dass es dazu kommt, dass Einzelne übergangen werden: mit Soziokratie.

Hierarchien können dann (wie bei uns) komplett obsolet werden oder eben in Teilen beibehalten werden. Doch wenn alle mitreden dürfen, findet man dann auch ein Ende, einen Entschluss? Wie soll so ein Meeting in einem großen Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeiter:innen organisiert durchgeführt werden? Bereits die Terminfindung scheint schier unmöglich zu sein.

Die Kreisorganisation

Eine Soziokratie organisiert sich daher in Kreisen. Diese bestehen aus Mitgliedern eines Gewerkes, einer Abteilung oder einzelner Gruppen verschiedener Gleichgesinnter. Auf diese Weise können sich Teams, Abteilungen und das gesamte Unternehmen in Kreise einteilen, in denen (kreisbezogene) Vorschläge besprochen und beschlossen werden (können). Der Kreisprozess ist dabei ein dynamischer Prozess von Leiten → Machen → Messen.

Um sicherzustellen, dass die eigenen Interessen auch in anderen Kreisen Gehör finden, werden aus jedem Kreis Delegierte in andere Kreise entsandt. Dort vertreten sie ihre Standpunkte und verbessern außerdem den kreisübergreifenden Informationsfluss, indem sie über Vorschläge und Entscheidungen anderer Kreise berichten.

Darüber hinaus können Kreise in Domänen aufgegliedert werden. Domänen sind kleinere Untergruppen, die spezifische Fachbereiche oder Aufgabengebiete, wie z. B. Marketing, Feelgood Management oder Recht & Sicherheit,

abdecken und aus Teams oder Einzelpersonen bestehen. Diese weitere Aufteilung kann beispielsweise dazu dienen, eine Art Task Force zu bilden, die die aus den Vorschlägen resultierenden/anfallenden Aufgaben und Entscheidungen operativ umsetzt.

Die strukturelle Vielfalt der soziokratischen Organisationsform bietet mit dem Kreisprozess und dem Herzstück der Entscheidungsfindung, dem Konsentverfahren, das wir Euch im nächsten Artikel aus dieser Reihe näher erläutern, die Möglichkeit, auf alle Größen, Verschachtelungen und Besonderheiten jeder organisatorischen Einheit angeglichen zu werden.

Unser erster Eindruck - was sich durch Soziokratie verändert hat

Auch wenn die Soziokratie auf den ersten Blick verwirrend erscheinen kann und viel Arbeit mit sich bringt, hat uns schon die Idee hinter dieser Organisationsform damals überzeugt, es einfach mal auszuprobieren. Und so haben wir vor über einem Jahr erfolgreich die Soziokratie bei uns eingeführt und unser Unternehmen prosperiert seither.

In unserem Arbeitsumfeld/Job haben wir nun die Möglichkeit, uns aktiv einzubringen, unsere Ideen oder auch Bedenken zu äußern und zu wissen, dass diese auch gehört und ernst genommen werden. Wir wirken gemeinsam - als Team. Jede:r kann ihre:seine individuellen Stärken und Interessen einsetzen, an Schwächen arbeiten und neue Impulse setzen und erhalten. Somit haben wir auch gezielten Einfluss auf unsere persönliche Entwicklung im und neben dem Beruf.

Darüber hinaus fördert unsere soziokratische Organisationsstruktur, in der gemeinsam(e) Entscheidungen getroffen werden, gegenseitiges Vertrauen, Empathie und Transparenz. Und das wirkt sich natürlich auch (positiv) auf die Entwicklung der Nerdlichter aus. Wir wachsen gemeinsam - aneinander und miteinander.

Wie das damals (2019) bei uns genau war, könnt Ihr in unserer Artikelreihe zum Thema Soziokratie natürlich auch bald lesen. Beim nächsten Mal erklären wir Euch aber erstmal, wie man per Konsentverfahren Entscheidungen fällt. Einfach unseren Blog im Auge behalten.

Wenn auch Ihr Interesse an neuen Wegen, Ideen und einem agilen Miteinander habt, dann meldet Euch einfach bei uns und wir können ausführlich von unseren Erfahrungen berichten. Bei Bedarf beraten wir Euch natürlich auch gern bezüglich Eurer Umstrukturierung zur Soziokratie.

Fotos von Anne Gaertner

Schaubilder von Louisa Nilsson

1 — Quelle: FAZ.net